Heimat- und Mundartliteratur

Das Genre der Heimat- und Mundartliteratur hatte besonders in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts seine Blütezeit. Die eigene Heimat wurde als "literaturwürdig" entdeckt. Vor allem die verborgene Schönheit der Natur dieses, von der Eiszeit geprägten Landstiches wurde zur Herzenssache vieler Heimatdichter.

Nestor und Vorbild für diese literarische Bewegung war Friedrich Brunhold (1811 - 1894). Trotz Querelen der Behörden und Anfeindungen des Pastors ließ es sich der Lehrer von Joachimsthal nicht verübeln, seiner Zuneigung zur Natur, aber auch seiner Revolutionssehnsucht in Gedichten Ausdruck zu verleihen. Die Revolution 1848 nahte. Besonders liebte er die Wälder der Schorfheide, den Werbellin- und den Grimnitzsee. Hierher floh er in die Einsamkeit, um seine Gedichte zu schreiben.

Gedenktafel an der alten Gemeindeschule in Joachimsthal (Foto: W.Ebert)
"Wie ein Gottesauge glänzet/Drüber dunkle Brauen glühn/
Liegt von Wald und Feld umgrenzet/Märchenhaft der Werbellin/
Well`auf Welle schäumt zur Stunde/Mond vollendet seinen Lauf/
Aus versunkener Stadt am Grunde/Läuten Glocken dumpf herauf/
Wald und See im Wolkendunkel/Trägen Flugs ein Weihe dort/
Stille rings, dann Sterngefunkel/Und die Glocken läuten fort"

Eine Bronzebüste in der Rosenstraße und eine Gedenktafel an der alten Gemeindeschule in Joachimsthal erinnern an ihn.


Grabmal des Karl Weise in Bad Freienwalde (Foto: H. Domnick)
Für viele Jahre war Bad Freienwalde ein Hort der Heimatliteratur. So würdigte Theodor Fontane in seinen "Wanderungen..."
Karl Weise (1813 - 1888) als den "Freienwalder Hans Sachs" - Drechslermeister und Poet dazu. Er lebte seit 1848 hier als Pfeifenmacher. Seine schlichten Verse rühmen die Schönheit der Landschaft dieser Gegend und die Freuden des Handwerks. So singt er ein lyrisches Loblied auf die Anmut der Freienwalder Fluren in seinen 1859 erschienen Gedichten "Blumen der Wälder" . Ein Denkmal in der Karl-Weise-Straße in Bad Freienwalde erinnern an ihn.
Der Mundartdichter Gustav Jung (1796 - 1892) lebte von 1836 - 1876 in Werneuchen und schrieb hier 1849/54 "Gedichte in plattdeutscher Mundart". In Pritzwalk als Sohn eines Apothekers geboren, hatte er nach seinem Theologiestudium in Berlin eine Pfarrstelle in Groß Machnow inne.
In Prenzlau wirkte Ludwig Wiese (1806 - 1900) als Lehrer, pädagogischer Schriftsteller und Memoirenschreiber. Besonders hervorzuheben, weil von historischem Wert für die Schulgeschichte, sind seine beiden Bände "Lebenserinnerungen und Amtserfahrungen" aus dem Jahre 1886.

Die Stadt Prenzlau war Wirkungsstätte von Ludwig Wiese. (Illustration: U. Postler)
Martin Anton Niendorf (1826 - 1878), geboren in Niemegk, war Lehrer und Dichter zugleich. Als Mitkämpfer während der Revolution 1848 wurde er in Festungshaft genommen, bespitzelt, mit Verbot jeglicher Lehrtätigkeit belegt und aus Berlin ausgewiesen. Zeitweilig hielt er sich in Eberswalde auf. Im Verlag von Alexander Duncker, Königlicher Hofbuchhändler in Berlin, erschienen 1852 "Die Hegler Mühle. Cyklus märkischer Lieder" und 1853 "Anemone". Es waren Gedichte, die den Gefühlen des einfachen Volkes Ausdruck verliehen. So erzählt er in seinem Gedicht "Der Knecht" von der unerfüllten Liebe des Knechtes zur Tochter des Hegler-Müller. Die Ehe eines "Herrenkindes" mit einem Knecht war ausgeschlossen, weil nicht standesgemäß. Im Gedicht heißt es:

Buchtitel "Die Hegler Mühle" von Martin Anton Niendorf
" Was klappert so helle die Hegler Mühle,
Als riefe sie wieder und wieder mich heim?
Wo hab` ich zuerst mit dem Peitschenstiele
In`s Land geschrieben den süßen Reim?
Dort war`s in der Mark, auf den Siebenruthen,
Auf glänzendem Sand im Wasserlauf;
Es schwammen darüber die Regenfluthen
Und rissen schon längst den Boden auf.
O wühlt ihr Wasser, ihr Ströme rinnt! -
Ich will ja vergessen das Herrenkind...."
In der Zeit von 1869 -73 lebte in Bad Freienwalde Anna Karbe (1852 - 1875), geboren in Lichterfelde bei Eberswalde. Sie war vermutlich die erste Frau dieser Region, die sich um Heimatliteratur mühte. Sie schrieb Kirchenlieder und Heimatgedichte, beispielweise "Abschied von Gramzow", "Vergessen", "Schweigen" oder "Der Sperling".

Anna Karbe bezeichnete ihre Gedichte auch scherzhaft als "Küchenlieder" (Illustration: U. Postler)


Ehrentafel an der Sparkasse am Markt in Bad Freienwalde (Foto: W. Ebert)

Julius Dörr (1850 - 1930), 40 Jahre Sparkassendirektor in Bad Freienwalde, besang nicht nur den Reiz der Natur, sondern äußert sich in seinen Gedichten mit beißender Ironie auch über die Verursacher des 1. Weltkrieges:

"Nun schafft der Krieg mehr als genug/
Mir hochgebildeten Besuch/
Die Fäulnis in der Oberschicht/
Kommt allerliebst ans Tageslicht...

Eine Ehrentafel an der Sparkasse am Markt erinnert an den mutigen Direktor.

Am gleichen Ort wirkte ebenfalls der Lehrer Gustav Schüler (1868 -1938). Er verfasste stimmungsvolle Naturlyrik - 1914 leider auch "Deutsche Kriegslieder".
Max Lindow (1875 - 1950), der 1891 die Präparandenanstalt für künftige Lehrer in Joachimsthal besucht, tritt in die Fußstapfen von Brunhold. Als echter Uckermärker beschreibt er in seinen Dichtungen Landschafts- und Lebensbilder, teilweise in Mundart.

Ausschnitt aus dem
Uckermarker-Lied

Wat is 't för 'n Land!
Böm an de Kant;
Heken in d' Heid,
Veh up de Weid!
Schön is un stolt un stark
Uns' leew oll Uckermark!

Un sind wi krank?
Nä, Gott sei Dank,
Deep in den Grund
Sind wi gesund!

Jeder geiht gärn an 't Wark
För uns' leew Uckermark!



Bildnis von Max Lindow mit dem Titel seines Werkes:
"Bi uns to Hus" (Foto: Dr. A. Lindow)

 

Den Kritikern, die den literarischen Wert seiner Bemühungen bezweifeln, antwortet er: "Der Gebildete hat geistiges Brot genug, der einfache Mann... hungert danach und ist voller Freude, wenn es ihm geboten wird ..." Das Grab von Max Lindow befindet sich in Prenzlau.

Erna Taege-Rhönisch (1909-1998) war Schülerin von Max Lindow und eine beliebte uckermärkische Lyrikerin und Mundartdichterin. Sie wurde in Bebersee als Tochter eines Waldarbeiters geboren und starb Templin. Hier war sie Mitbe-gründerin und langjährige Mitarbeiterin im Volkskundemuseum Templin.
Erna Taege-Rhönisch ist Ehrenbürgerin der Stadt Templin.


Erna Taege-Rhönisch
(Foto: Uckermärkisches Volkskundemuseum Templin)

Gedacht werden soll hier auch einem mutigen Bauernjungen aus Bölkendorf bei Angermünde: Gustav Metscher (1884 - 1947). Als Zehnjähriger trabte er jeden Morgen zu Fuß nach Angermünde, um die Mittelschule zu besuchen. Er liebte seine Heimatlandschaft und holte sich hier auch späterhin immer wieder Kraft für sein Schaffen. In einem Gedicht gibt er diese Erfahrung weiter:

"Mag auch das Leben noch so schwer/ Dir den Tornister packen/
Murr nicht, hol dir aus Sternen her/ Die Kraft für deinen Nacken.
Murr nicht, wenn deine Wanderschuh/ Anfangen dich zu drücken/
Schreit unentwegt dem Ziele zu/ Aufrecht mit gradem Rücken
Noch nie ging Sieg durch Rosen je/ Nie durch Bequemlichkeiten/
Er muß durch Dorn- und Distelwerk/ Sich seinen Weg bereiten"
Obwohl seine Vorliebe der Lyrik galt, schrieb er auch Erzählungen und Skizzen. Als Heimatforscher verfasste er 2 Bände: "Märkische Heimat. Volkskundliches" und die "Heimatkunde der Provinz Brandenburg". Eigentlich war Metscher Lehrer. Seit 1922 arbeitete er in Lychen als Rektor der Stadtschule.

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Hier sehr verehrt, wurde er 1929 und 1933 in die Stadtverordnetenversammlung gewählt. Mit der Machtübernahme der Nazis legte er jedoch sein Mandat nieder. So blieb er als einer der wenigen Lehrer nach 1945 im Amt und führte einen Lehrgang für Neulehrer. Letzte Amtshandlung kurz vor seinem Tode war die Leitung der Lehrerkonferenz zur Eröffnung des Schuljahres 1947/48.

Erwähnenswert ist auch Rudolf Hill (1825 - 1894), der als Stadtsekretär in Prenzlau arbeitete. Als Mundartdichter schrieb er 1868 niederdeutsche Gedichte "Lütte Schnurren".

 


Die Arbeitsstätte von Rudolf Hill war das Prenzlauer Rathaus (Illustration: U. Postler)

In den Prenzlauer Heimatkalendern sind Beiträge Ernst Ziemendorfs zu finden (Quelle: Kulturhistorisches Museum Prenzlau)
Ernst Ziemendorf (1878 - 1915) war zunächst Gärtnerlehrling, absolvierte dann eine Ausbildung als Amtsekretär in Halle/Saale und arbeitete seit 1900 beim Magistrat von Prenzlau. Bekannt wurde er als Mundartdichter 1908 mit "Vertellsel in uckermarksch Platt".
Friedrich Wilhelm Albert Schulz (1880 - 1945) lebte seit 1922 in Schwedt und war Herausgeber des "Schwedter Tageblatts". Er verfasste plattdeutsche und hochdeutsche Lyrik und veröffentlichte Erzählungen "Nich up`t Oder schwemmen" und "De Nom is richtig".

Friedrich Wilhelm Albert Schulz war Herausgeber des Schwedter Tageblatts (Illustration: U. Postler)